Alles hat seine Zeit...Sein und Werden

Alles hat seine Zeit, alles auf dieser Welt hat seine ihm gesetzte Frist: Geboren werden hat seine Zeit wie auch das Sterben. Pflanzen hat seine Zeit wie auch das Ausreißen des Gepflanzten. Töten hat seine Zeit wie auch das Heilen. Niederreißen hat seine Zeit wie auch das Aufbauen.
Weinen hat seine Zeit wie auch das Lachen. Klagen hat seine Zeit wie auch das Tanzen. Steine zerstreuen hat seine Zeit wie auch das Sammeln von Steinen. Umarmen hat seine Zeit wie auch das Loslassen. Suchen hat seine Zeit wie auch das Verlieren. Behalten hat seine Zeit wie auch das Wegwerfen.
Zerreißen hat seine Zeit wie auch das Flicken. Schweigen hat seine Zeit wie auch das Reden.
Lieben hat seine Zeit wie auch das Hassen. Krieg hat seine Zeit wie auch der Frieden. (Prediger 3, 1 - 8, die Bibel)

7. Oktober 2015

Die Vermessung der Welt...

Ja, der Titel ist gestohlen. Aber er passt halt gerade zu unserem aktuellen Lebensthema - die erwachende Mobilität. Meine kleine Robbe ist entwicklungstechnisch völliger Durchschnitt, so dass er jetzt "erst" allmählich beginnt zu lernen, wie man sich von A nach B bewegt. Warum das mit dem Durchschnitt erwähnenswert ist? Weil es jetzt schon beginnt, die Vermessung und Bewertung der Leistungen unserer Kinder. Krabbelt er schon? Was, nicht? Aber sitzen tut er ja schon alleine? Was, auch nicht? Was, deiner schon? Was, schon 6 Wochen lang? Tja - HA! Meiner hat dafür schon 2 ganze und 3 halbe Zähne - bäääääm! Ja so läuft das in etwa ab, bei der kompetitiven Elternschaftsolympiade. Nicht zu vergessen sind dann noch - Schläft er denn schon durch? Dicht gefolgt von den beiden stark auseinanderklaffenden Anfragen, je nach dem welchem Lager frau angehört: A) "Langsam sollte er aber schon ohne Flascherl durchschlafen und du kannst ihn doch nicht jede Nacht bei dir schlafen lassen, das gewöhnst du ihm doch nieeee wieder ab!" vs B) "Waaaas, du hast aus eurem Schlafzimmer kein Familienbett gemacht? Und das arme kleine Ding muss nachts in unerträglichen Ängsten in einem EIGENEN Zimmer verbringen?". Tja, ich bin da irgendwo dazwischen mit meinen Ansätzen. Einschlafen tut er in seinem Zimmer, aufwachen (das 4. bis 8. Mal) bei mir. Soviel dazu, wie wir Mamas uns vermessen (!) vermessen. Achja, ich vergaß eines unserer wichtigsten Themen in Sachen messen - 28 Kg trennen mich heute von dem Tag vor der Geburt - auch ein ganz wichtiges Müttermaß.
Aber eigentlich hatte ich bei dem Titel meinen robbenden Sohn vor Augen. Während er sich einige Wochen rollend in einem Areal von etwa 6qm fortbewegt, wird nun, mit ein wenig Motivation, die ganze Wohnung robbend entdeckt. Was muss das für ein Gefühl sein, sich endlich (fast) alles eigenständig ansehen zu können, sein Gebiet zu erkunden, sein Revier zu durchforsten. Es ist herrlich. Ich mag es auch. Obwohl mir gesagt wird: "Waaaarte nur bis er krabbelt, dann ist es aus mit der Gemütlichkeit". Ich finde es toll, auch wenn das Motivieren mir zu folgen und das Locken meiner Kätzchen starke Ähnlichkeit haben und das vielleicht etwas eigenartig ist (Ich ertappe mich öfter dabei, wie ich meinem Sohn ein lockende Schnalz-Schmatz-Laute zurufe, damit er mir nachrobbt). Es ist spannend sich von seinem Baby zeigen zu lassen, was in seiner Wohnung NICHT babysicher ist und noch adaptiert werden muss; Und wie toll es ist Ramsch-Boxen herauszuziehen, an Schuhbänder und Schuhsohlen zu kauen, sich beim Versuch Schubladen zu öffnen sich diese auf den Kopf zu knallen, an Türstopper zu lutschen und mit seinem Erbrochenem Malereien zu zaubern.
Bewusst wurden mir seine neuen Fähigkeiten in einer klassischen Situation, die mich ob ihres plakativen Erscheinens zum Schmunzeln, statt zum panisch Schreien brachten. Mama geht kurz aus Küche, Baby spielt am Wohnzimmerboden, Mama hört Geräusch einer fallenden und sich ihres Inhalts entledigenden Box und eilt ins Wohnzimmer zurück, Kind liegt neben Box (zu Österreichische Gramuri-Schochtl) und dessen am Boden verteilten Inhalt und versucht sich just in dem Moment eine Schere in den Mund zu schieben - classic. Keine Sorge, nix passiert. Mama lacht, Baby lacht mit - alles gut! Box weggeräumt, Kind und Mama etwas dazu gelernt. Mama hat gelernt, dass sie solche und ähnliche Dinge in nicht greifbare Ferne bringen muss, Baby hat gelernt, dass es schneller sein muss, wenn es an Messer, Gabel, Scherben oder Scheren lecken möchte. ACHTUNG - Sarkasmus! Frau Funkhouse passt auch wirklich gut auf ihr Baby auf. Ich habe doch schon längst einen Jahresvorrat an Steckdosendeckel, hässlichen IKEA-Kantenschutz-Händen und Schubladenverriegelungen angeschafft - schon vor Monaten, nur montiert müssten sie halt noch werden. Aber dafür reicht die Immobilität noch gerade so aus. Toll ist auch, dass unter unseren Regalen endlich wieder mal der Staub weggewischt wird. Mein Sohn macht das mit seinen Beinen, manchmal auch mit seinem Bauch. Weniger toll ist, dass die untersten 20 cm meiner Glas-Balkontür aussehen wie ein abstraktes Kunstwerk. Und ich geb zu, ich tu' mich etwas schwer mit abstrakter Kunst, so generell. Aber gut, ich bin da nicht so.
Mit dem achten Monat erleben wir also einen wahren Meilenstein im ersten Jahr mit Baby und es wird immer lustiger und unterhaltsamer mit ihm! Parallel zu seiner steigenden Mobilität entwickelt er auch seine Brabbelei weiter. Momentan arbeitet er an einem repetitiven, meditativen "Mamamamamamamamam", dass wie Musik in meinen Ohren klingt. Egal ob unwillkürlich oder nicht, jedes "Mamamamamamamam" beantworte ich solange mit "Ja, mein Mäuschen, ich bin deine Mama" bis zu dem Moment, in dem er sich zu mir dreht, mir in die Augen sieht und "Mama" sagt. Hach, wenn ich daran denke, fliegen Einhörner auf Regenbögen durch die Luft...ich werde davon berichten!

3. September 2015

Rabenmütter...

Sie treten die Pädagogik mit Füßen, handeln ihrem Egoismus entsprechend und übergehen die Bedürfnisse der Kinder...
Ich spreche von den sogenannten Rabenmüttern, von der ganz üblen Sorte. Die, die vergessen, wie man liebevoll, fürsorglich und verständnisvoll mit Babys und kleinen Kindern umgeht - ich spreche von mir. Nachts. Zwischen 1 und 5 Uhr. Da werde ich zur Rabenmutter.
Seit nun sieben Monaten gibt es keine einzige durchschlafene Nacht für Mama und Papa. Keine einzige! Das zehrt schon am Nervenkostüm. Vom Schlafenlegen bis zum Aufwachen sind 4x Aufstehen eine gute Nacht. Durchschnittlich sind es etwa 6x, die wir zu ihm rüber gehen müssen. Sehr viele Nächte und Phasen wurden auch im eineinhalb Stunden-Takt abgewickelt.
Ich fürchte die Nacht, sie bietet mir keine Erholung. Ich lege mich hin, schlafe lange nicht ein, da sich mein Gehirn just in diesem Moment dazu entscheidet auf Turbo zu schalten; ich warte innerlich auf das erste Mal Weinen, sein erstes Fläschchen. Danach schlafe ich ein, er auch. Kurz. Und wenn ich dann kurz eingeschlafen bin und jäh durch das Aufweinen meines Sohnes geweckt werde und völlig schlafbeduselt in sein Zimmer torkle, dann ärger ich mich. Wenn ich dann merke, dass der werte Herr Funkhouse jun. putzmunter und quietschfidel seinen Nachtschlaf hiermit offiziell beenden möchte - so um 2 Uhr herum - dann werde ich richtig wütend. Wenn ich ihn dann in der Hoffnung, dass er, weil er ja trotz allem Übermut hundemüde ist, von alleine einschläft, nachdem ich mit einen sich windenden Wurm eine gefühlte Ewigkeit auf dem Pezzi-Ball gehopst bin und dabei aufpassen musste, dass ich nicht vornüber kippe, mich dann wieder aus dem Zimmer schleiche und er fünf Minuten darauf natürlich nicht schläft, sondern sich lauthals beschwert - dann bin ich riiiiichtig wütend. Dann jammer' ich vor mich hin, ärgere mich über meinen Mann, der nicht die Mama ist (das sagt einfach alles). Mein Mann unterstützt mich, wo es nur geht. Es scheint, als hätte er alle Ruhe der Welt, wenn er unseren Sohn in den Schlaf zu begleiten versucht, während in mir ein Vulkan brodelt. Doch da er frühmorgens in die Arbeit muss, um unseren Unterhalt zu verdienen, muss ich hauptsächlich nachts auf. Und wenn es so ist, dann reiße ich die Bettdecke weg und stapfe wutentbrannt los, um in sechs Schritten wieder soweit auf dem Boden zu sein, um meinem Baby angemessen zu begegnen.
Und alsbald sitze ich wieder auf diesen ver******@!%$*** Pezzi-Ball und auf einmal lodert es in mir auf...
Die Reue. Die Reue nicht jede Sekunde, die ich ihn in meinen Armen halten darf, vollends zu genießen, auch wenn es mitten in der Nacht ist. Denn wie kurz ist doch die Zeit, in der ich ein Baby habe? Gerade mal ein kurzes, klitzekleines Jahr hat man ein Baby. Ich habe bereits sieben Monate davon hinter mir. Es sind ca. 18 Jahre, wo man seine Kinder enger begleiten darf, wo Mama und Papa den ultimativen, weil versorgenden Stellenwert haben, auch wenn mit Teenager-Alter alles andere interessanter wird. Es ist eine so unglaublich kurze Zeit. Woher kommt die Wut? Schlafen könnte ich doch später? Aber so ist es leider nicht, ich bräuchte ihn jede Nacht, ich brauche Zeit, um mich zu regenerieren, um wieder voller Energie zu sein. Da ich nicht zu meinen Nachtschlaf komme, fühle ich mich meist kraftlos und müde. Auch wenn ich seine Tagesschläfchen oft für ein gemeinsames Schläfchen nütze. Es fehlt die Nacht...und als ich meinen Gedanken und meiner Reue so nachhänge, bemerke ich erst, wie schön es sich anfühlt, wenn der kleine Körper in meinen Armen liegt, warm, sicher und entspannt. Ich sehe das Weiß seiner Augen die meinen suchen und fühle sein Händchen, dass mein Gesicht ertasten will. Ich bereue es zutiefst, so wütend zu werden.
Und werde es wohl in der nächsten Nacht genauso sein...

Ein weiterer Gedanke, der mich heute bewegte - in einer Zeit, in der auf Facebook ein Foto eines toten, am Meer angespülten Flüchtlingskindes kursiert, weil das unsere derzeitige Realität ist - wie dankbar können wir doch sein, dass nächtliches Aufstehen, um unsere sicheren, wohlgenährten, behüteten Kinder Geborgenheit zu geben, eines unserer banalen Probleme ist. Ich muss mir keine Gedanken darüber machen, ob ich meinem Kind Krieg, Verfolgung und Terror aussetze oder in der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in ein fremdes Land flüchte und hoffe, dass es nicht ertrinkt, erstickt, verdurstet und wenn es überhaupt überlebt großen psychischen Schaden davon nimmt. Wie dumm und überheblich ist doch der Glaube, dass wir uns diese Sicherheit, in der wir leben, diesen Wohlstand verdient haben und es unser Recht sei. Ja, die Zeiten werden härter, auch für unsere Wohlstandsgesellschaft, ja es wird Probleme bringen und uns aus der Komfortzone bringen. Wir haben unser Glück genauso wenig verdient, wie IRGENDJEMAND ein Schicksal wie die abertausenden Menschen, die von Hoffnung getrieben oftmals in den Tod laufen. Und wenn ihnen die Härte ihres Fluchtweges nicht den gar aus macht, dann macht unsere Angst, unsere Sorge, um unseren Wohlstand und Sicherheit ihnen das Leben noch zusätzlich schwer?? Nein, wir haben uns unser feines Land nicht verdient. Es ist kein Recht - es ist Vorrecht. Es ist ein Vorrecht für uns und unsere Kinder und wir haben soviel davon, dass wir ganz leicht etwas davon abgeben können.

Mein lieber Sohn,

wenn du eines Tages so alt bist, dass du im Geschichtsunterricht davon hörst, was in der Zeit passiert ist, als du ein kleines Baby warst, dann sei dankbar. Dankbar für Sicherheit, Geborgenheit, Nahrung, für alles was du hast, alles, was dir möglich ist und alles wovor du behütetet wirst. Ich hoffe, dass aus dir ein Mensch wird, der sich aus Liebe zu seinem Nächsten in dessen, wenn auch noch so fremde Welt, hinein denken kann und erkennt, dass dieser genauso fühlt wie du, genauso Angst hat wie du, genau so Freude empfinden kann wie du - genau so erdacht und geliebt ist von seinem Schöpfer-Gott, wie du. Vergiss nie, dass jeder zählt, dass jeder Wert hat. Wenn dir irgendjemand glauben machen will, dass es wichtigere und unwichtigere Menschen gibt, dann ist das eine Lüge. Es wird schwer sein, alle Menschen so anzunehmen. Du wirst nicht alle mögen, viele werden dich nicht mögen. Viele wirst du blöd finden, weil sie anderer Meinung sind oder dir sogar Schmerzen zufügen, aber wisse, egal wie du fühlst - JEDER ist es wert geliebt und geachtet zu werden. JEDEM, der Hilfe sucht, soll Hilfe zuteil werden. Glaube nicht alles, sei kritisch, überlege dir alles durch, finde nicht alles gut, was der Zeitgeist sagt, dass gut sei. Bild dir deine Meinung und steh dazu. Aber alles was du tust und wie du denkst, soll von echter, tiefer Liebe zum Menschen geprägt sein. Ich werde mein Bestes geben, um dich zu einem liebesfähigen, mitfühlenden und mitdenkenden Menschen groß zu ziehen.

                                                            In unaussprechlicher Liebe zu dir, 
deine Rabenmama

26. August 2015

It`s all about the bass...

...ist quasi die Hymne meines Mann, der, zu meinem Glück, die kurvige Heckansicht bei Damen - ergo mir - präferiert. Mein Sohnemann gerät da eher nach seinem Vater, jedoch aus anderen Motiven. Wenn ich meinem Zwerg ein Plüschtier zum Spielen gebe, wird es sogleich mit dessen Hinterteil voran erkundet. Der Grund: es gibt offensichtlich nichts Interessanteres und Amüsanteres als die Etiketten, die meist an dieser eigentlich unbedeutenden Stelle befestigt sind.

Wie wichtig unser (nicht zu Unrecht genannter) Allerwertester ist, wird spätestens dann klar, wenn man für dessen Unversehrtheit und Sauberkeit bei einem Säugling zuständig ist. Man sieht wohl auch keinen Hintern sooft, wie den eines Babys, was daran liegt, dass man ihn täglich ca. 8 bis 12 mal auspackt, säubert und pflegt. Und, mal unter uns, wie süß ist so ein Mini-Popotschi eigentlich :)?
Ja, und dieser besagter Popo, war auch der Grund, warum mein Sohn das erste Mal in seinem Leben eine Operation mit Vollnarkose über sich ergehen lassen musste und ich das erste Mal in meinem Leben Mama und Begleitperson eines Krankenhauspatienten war.
Vor einigen Wochen viel eine rote Stelle beim Windeln auf. Da wir an einen unglücklich platzierten Mückenstich dachten und unser Söhnchen quietschfidel wie immer war, dachten wir an nichts Schlimmeres. Da dieser Fleck jedoch nicht verschwand, ließen wir es doch abklären. Heraus kam, dass es sich um einen Abszess handelt, der operativ geöffnet und versorgt werden muss. Man denkt bei einem ekligen Abszess doch eher an einen erwachsenen Popo (okay, über sowas will man einfach gar nicht nachdenken, ich weiß), aber doch nicht an einen unschuldigen, supersüßen, speckigen, Mini-Bopsch... Uns wurde erklärt (als hätte ich mir das nicht schon längst im Vorfeld von Dr. Google erklären lassen), dass soetwas gehäuft bei Säuglingen vorkommt, Ursache unbekannt.

Soweit die Theorie. Die bittere Realität brachte uns zwei schreeeeeecklich lange Nächte im Krankenhaus. Die erste Hürde war das Legen eines Zugangs, der die nächsten Tage einbandagiert und durch eine Handsocke gesichert sein kleines Händchen "zieren" sollte. Wenn dann drei Schwestern und du als Mama Händchen und Beinchen deines sechs Monate alten Sohnes festhalten und eine Ärztin, deren Kompetenz ich nicht bezweifeln möchte, aber trotzdem aussieht wie Sweet 16, zuerst am ersten Versuch am Bein scheitert und danach eine weitere gefühlte Ewigkeit versucht einen Zugang zu legen und dabei ein Mantra vor sich hin brummt, "Da muss ich überlääääääägäääääään....Da muss ich überlääääägäääään....Da muss ich überlääääägäääään", während eine der Schwestern ein Glucose-Safterl zur Beruhigung in sein Mäulchen träufelt und sich mit einer anderen Schwester über die Zaubertrank-ähnliche Wunderwirkung des Saftes unterhält - spätestens dann weißt du, diese Erfahrung hätte ich jetzt gar nicht gebraucht.
Nach dem Legen des Zugangs, wurden wir aufgenommen und durften einchecken. Nur, dass es nicht ganz so komfortabel zuging, da kein Zimmer frei war und das ganze Prozedere unbedingt Mittags - also eigentliche Essens - und Schlafzeit von Babys - stattfinden musste. Trotz der schön, hell und großzügig gestalteten Kinderstation und der netten Zimmerkollegen, fand ich als Schlafstätte einen 80cm breiten Klappcouchsessel und ein riesiges käfigartiges Ungetüm, dass an die tiefgraue Vergangenheit in kommunistischen Krankenhäuser erinnerte und ich einfach nur als "das Gefängnis" bezeichnete. Also in etwa so: "Könnte ich vielleicht bitte eine weitere Decke für das Gefängnis...ähhh...Betterl haben, damit ich es ihm ein bisserl kuscheliger machen kann?"
Mein Plan vom Zusammen-in-einem-Bett-Schlafen, war durch das Gefängnis zunichte gemacht. Es war nicht einmal möglich sich gegenseitig anzusehen, da ich ungefähr ebenerdig auf meiner Pritsche lag und mein Baby im Gitterkäfig zwei Meter über mir lag. So kam es, dass ich die erste Nacht praktisch stehend und sein Händchen haltend verbrachte.
Irgendwann wurde mir dieses "Schlaf-Arrangement" zu bunt und ich holte mir meinen kleinen Patienten auf meine Pritsche. Da lagen wir nun auf 80 cm. Naja, Liegen ist übertrieben, ich versuchte auf meiner Flanke zu balancieren und dabei tunlichst zu vermeiden über mein Baby zu rollen. Und trotzdem wars gemütlich. Um halb sechs flößte ich ihm im Schlaf sein letztes Fläschchen ein, bevor er nüchtern werden sollte, was ich mir wie den größten Alptraum ever vorstellte. Laut Plan hätte er sechs Stunden ohne Nahrung sein sollen, was bedeutete zwei bis drei Stunden Hungergebrüll "überbrücken". Die Horrorszenarien eines vor Hunger und Angst brüllenden Kinder, dass an Kabeln angeschlossen von mir weg in die Ungewissheit gebracht wird, verdichteten sich in meinen Gedanken. Doch sie bewahrheiteten sich keinesfalls. Die Operation begann früher als erwartet und obwohl ihm das sogenannte "Wurschtigkeits-Zapferl" verwehrt wurde, schlummerte er noch in seinem Gitterbett ein, während er in den OP gefahren wurde. Ich durfte ihn lediglich zum Lift begleiten und sah, wie sich die Türen hinter meinem völlig ruhigen süßen Baby in seinem Krankenhaus-Käfig und seinen zwei Krankenschwestern schlossen. Sogar an dieser Stelle verhielt er sich einfach so großartig, so gechillt als hätte er sagen wollen:"Mama, alles gut, alles easy, kannst du nicht die Armee an Engeln sehen, die mein Papa im Himmel als meine Leibwächter geschickt hat?"
Nach ca. eineinhalb Stunden wurde ich zu ihm gerufen. Mein nur mit Windeln bekleidetes, an piepsenden Geräten hängendes, schlafendes Bündel lag in seinem Bett-Gefängnis und es gab in diesem Augenblick nichts Großartigeres als seinen Atmen zuzuhören. Eine Stunde saß ich an seinem Bett bis er sanft geweckt wurde und ich ihn endlich in den Arm nehmen durfte. Der Tag verlief ruhig weiter. Die größte Hürde würde uns noch bevor stehen - wir durften das Krankenhaus erst verlassen, wenn ich es lernen würde, seine Wunde zu versorgen, was heißt, dass ich eine 5cm lange, sehr tiefe offene Wunde spülen lernen musste. Der operierende Arzt fragte mich mehrmals: "Schaffen sie das?" Cool, wie ich wirken wollte, sagte ich, dass ich das wohl müsste und dass ich das schon hinbekommen würde. Als bei der Visite am nächsten Morgen erst der Wundstreifen herausgenommen wurde und ich das ganze Ausmaß der Wunde sah, stieß ich einen Ausruf des Schreckens aus, worauf der Arzt noch einmal erwiderte - er wusste wohl, was mich erwarten würde: "Deswegen sage ich, schaffen sie das?" Klar schafften wir das. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie schmerzhaft solch eine Wunde sein musste. An einem einzigen Tag wimmerte unser tapferer Kerl aufgrund der Schmerzen, sonst nie. Und nach 10 Tagen war der Spuk vorbei und die Wunde weitgehend geschlossen und das Krankenhaus Schnee von gestern.

So brachte uns also das Popöchen meines Sohnes zu einem unserer ersten gemeinsamen Abenteuer, dass ehrlich gesagt ziemlich "füan Oasch" war...

P.s.: Mein lieber Sohn! Solltest du diese Zeilen in einem Alter lesen, wo dir bewusst ist, dass faktisch die ganze Welt darüber Bescheid weiß, dass du eine Narbe am Popo trägst, verzeih' mir zuerst. Und danach überlege, was du so alles mit deinen "Freunden" per social media oder Hologramm (ich weiß ja nicht, was in 14 bis 16 Jahren so "in" ist) teilst... Außerdem denke daran, wie oft ich deinen Baby-Popo von schrecklich stinkenden Dämpfen eingenebelt gewickelt habe - also keep cool :P

In Liebe, deine Mama




17. Juli 2015

Der Durchbruch

Von einem Durchbruch spricht man meistens, wenn irgendein Celebrity to be einen Erfolg gelandet hat. Meistens handelt es sich dabei um Musiker, Schauspieler oder Sportler und wird begleitet von großen Lobeshymnen in diversen Klatschpressen.
Ich habe den Durchbruch eines Menschen gerade miterlebt - er ist weder Musiker, Schauspieler noch Sportler und kein Reporter interessierte sich dafür. Doch für mich war es einer der größten Durchbrüche die ich jemals miterlebt habe. Es betraf nämlich mein Baby. Denn mit stolzen 5 Monaten hatte er bereits seinen ersten Durchbruch - den seiner ersten beiden Zähne!! Ein Weltereignis für mich, seinen Papa und alle, die sonst noch mit Freude seine Entwicklung beobachten. Die Gala kann sich auf gut deutsch "schleichen" mit News von Brangelina und Taylor Swift, solange mein Baby solche coolen Entwicklungsschritte macht :)

Ich sitze gerade auf unserem Balkonwohnzimmer - unsere diesjährige Alternative zum Urlaub - eine Investition die "Balkonien" richtig attraktiv macht. In unserem Garten schmeißt mein Papa eine Männerparty, wo mein Mann natürlich auch mit dabei ist und mein Baby schlummert bereits tief und fest. Es ist schön - Zeit für Mama, Zeit für Miriam, Zeit, um niederzuschreiben, wie schön das Leben sein kann. Nämlich so schön! Ich befinde mich mit meinem Söhnchen in den sogenannten Wonnemonaten und diese heißen völlig zurecht so. Ich empfinde meine kleine Familie - endlich - als wahre Wonne! Mein Sohn weint maximal eine Stunde pro Wochen, nimmt man die wenigen Augenblicke zusammen. Er ist eigentlich stets gut gelaunt, lacht, gluckst und gurrt mit seinem bezaubernden, pausbäckigen Babyface und strahlt mit seinen tiefblauen Augen mit der Sonne um die Wette. Wenn ich mein Gesicht zum Knutschen in seinen kleinen Bauchspeck und seine süßen Bäckchen vergrabe, ziehen sich seine Lippen zu einem breiten Froschgrinsen auseinander. Wir haben kein Familienbett und inzwischen schläft unser Kleiner sogar größtenteils in seinem eigenen Zimmer, entgegen all meinen gutgemeinten Schlafplänen. Aber jeden Morgen, ab halb fünf Uhr, zum Mittagsschlaf und nach schweren Nächten auch Vormittags - da wird unser Bett zum Familienbett. Und dann fallen mein Sohn und ich und wenn es besonders schön ist, auch mein Mann, nach intensiven Austausch unserer Blicke in einen erholsamen Schlaf. Manchmal mache ich meinem Baby nur vor, als würde ich schlafen, denn dann tut er sich leichter in den Schlaf zu finden. Wenn er dann schläft, mache ich meine Augen auf und beobachte ihn - dieses unglaublich schöne Wunderwerk. Womit habe ich es verdient, ein so gesundes und zufriedenes Goldkind zu haben? Wenn mein Mann dann auch noch schlafend daneben liegt, ist es das pure Glück. So muss Himmel sein. So voller Liebe, so voller Frieden, so herrlich, so wundervoll. Ich sauge diese Momente der Ruhe und Behaglichkeit auf, bunkere sie, will sie nie wieder vergessen und werde voll aufgetankt.

D. und E. ihr seid die Lieben meines Lebens, mit und bei euch fühle ich mich so geliebt und geborgen, es fühlt sich wie ein Stück vom Paradies an. 




Und manchmal, wenn ich früher aufwache als mein zuckersüßer, kleiner Haifischzahn, dann warte ich bis er aufwacht, seine Beinchen zu zappeln beginnen und seine strahlenden Augen und sein breites Grinsen staunend "Hallo, meine Mama!" sagen.

Was interessieren mich die Berühmtheiten dieser Welt und ihre Erfolge, wenn ich mein eigenes kleines Weltwunder jeden Tag mit Küssen überhäufen darf?




25. Juni 2015

Zurück im Leben...

...per Tritt in den Hintern

Allmählich erweitert sich meine Welt wieder, was ich vor allem zugegebenerweise schmachvoll dem Abstillen (gabs bei mir nicht, hab halt einfach aufgehört, Baby war's wurscht) zuschreiben muss, kann, darf. Ich hatte ja anfangs das Gefühl, dass ich nie wieder etwas anderes als Babygeschrei, Pupswindeln und Sabberhände erleben werde und als Ausgleich hin und wieder meinen Haushalt führen dürfte. Da mein kleiner Wonneproppen dermaßen einnehmend ist, gab es in meiner Vorstellung kein anderes Leben, keine anderen Aufgaben mehr neben ihm. Doch, früher als gedacht konnte ich einfach wieder da ansetzen, wo ich vor dem Baby aufgehört hatte. So hatten wir, mein Mann, eine Freundin und ich, vor ein paar Wochen unseren ersten Job nach der Babypause als Musiker bei einer Hochzeit. Und ich finde unsere musikalische "welcome-back-party" hätte nicht besser laufen können - in der schönsten und luxeriösesten location seit wir Trauungen gestalteten. Natürlich versuchten wir dort möglichst unauffällig, hysterisch-begeistert zu kichern, wollten wir doch einen möglichst professionellen Eindruck machen, so als wäre das die Art von location, die wir mindestens jede zweite Woche bespielen. Nett war auch, dass wir uns quasi backstage dieser Luxus-Hotelanlage mit dem Mann-für-alle-Fälle über die Affenhitze beklagten, bevor wir von diesem ein 7€ Mineralwasser in Sektgläsern gereicht bekamen - sind wir doch alle nur Menschen...
Meine Vorbereitungen auf diese Hochzeit und die Mühen, mich in Schale zu werfen, waren frühmorgens dafür weniger elegant. Man füge folgende Bilder zusammen: Frau im Kleid, eleganter Dutt, in der einen Hand Wimpertusche, in der anderen Hand die Milchpumpe und das ganze (ein)singenderweise.
Ich empfand unseren ersten Job, das wunderschöne Ambiente und das perfekte Wetter als gelungenen Startschuss, wieder mehr am Leben außerhalb meiner vier Wände teil zu nehmen - ich höre innerliche Buhhhhh-Rufe meines bindungsorientierten-ewigstillenden-immertragenden-Mama-Engels auf meiner Schulter. Aber so sehr das Ganze mit eitler Wonne angefangen hatte, so fest knallten wir auf das Pflaster der harten Realität. Mein Baby UND ich. Denn was zum wahren Leben außerhalb der behüteten Rosa-Wolken-Klitzekleinbabyzeit noch dazu gehört, ist?? Ja, genau - das Kranksein. Mein Kleiner begann vor ca. zwei Wochen und ich folgte eine Woche später. Und wenn dein Baby so röchelnd und schlecht schlafend neben dir liegt, während du verzweifelt versuchst den Hustenreiz zu unterdrücken (keine Chance!!!) und dein Gesicht gaaaanz tief in den Polster gräbst um zu husten, dann merkst du wieder, was es heißt Mama zu sein. Denn es gibt keine Möglichkeit mehr, dich einfach mal für 2, 3 Tage hinzulegen, meiste Zeit zu schlafen und dann aber auch wieder gesund zu sein. Nein, man eiert halt den Tag so vor sich herum und schleppt Rotznase und Husten drei Wochen schön verpackt im Rucksack mit. Und während ich mitten in der Nacht mit verschwollenen Augen Zwiebel schnitt um Babys Schlafzimmer ergo unseres geruchlich zu verpesten und auf Besserung zu hoffen, dachte ich an eine Chatkonversation mit einer Bekannten, die auf die Frage, wie es uns geht, und meiner Antwort, dass die Nächte sehr anstrengend seien, da Babyboy nach wie vor alle drei Stunden sein Fläschchen (und auf das muss man im Gegensatz zum Busen warten, darum muss man schreien und davon wird man schööön wach) möchte und um halb 5 ausgeschlafen ist, folgendes antwortete: "Ach dazu wäre ich noch nicht bereit, mir ist mein Schlaf noch so wichtig!" Worauf ich gerne geantwortet hätte: "Ja, genau deswegen habe ich mir ein Kind zugelegt. Ich wachte eines Morgens um 10 Uhr putzmunter auf und dachte mir: so, nun brauche ich keinen Schlaf mehr! Nun bin ich bereit im besten Fall alle drei Stunden durch Gebrüll geweckt zu werden, allgemein aufgrund des "Ammenschlafes" einfach mies zu schlafen und um 4, halb 5 ein quengelndes, plärrendes und superwaches Baby neben mir zu haben.' Schlaf ist auch völlig überbewertet. Mit zunehmenden Alter hat man dann ja auch ausgeschlafen. Pha, Schlaf - WOZU??"
Wie auch immer, allmählich erholen wir uns ja auch wieder und wir können beinahe wieder durchatmen...Das waren also unseren ersten Wochen fern unserer Glückseligkeits-Insel.
Es scheint als hätte sich in dieser harten Zeit auch etwas in meinem Sohnemann getan. Neben der Tatsache, dass aus dem kleinen schmalen Würmchen innerhalb der letzten eineinhalb Monate ein recht propperes Kerlchen geworden ist mit typischer Speckfalte an den Schenkeln und über 1500g mehr auf den Rippen, ist er vom süßen, still staunenden, ruhigen, fröhlichen Neugeborenen mit neu erworbenen Fähigkeiten zu einem vollzeitlichen Quengler und Raunzer geworden, sobald man ihn ablegt oder 5 Minuten mit dem selben Amüsement beschäftigen will. Und so trotzt er sämtlichen physiologischen Empfehlungen und möchte am liebsten alles in sitzender Position entdecken, Bauchlage findet er noch immer total doof und sein Spielebogen ist was für Babys. Jede Beschäftigung länger als 3-5 Minuten ist langweilig und wenn schon nicht sitzen, dann bitte herumtragen, aber ja nicht im blöden Tragetuch, da sieht der werte Herr ja wieder nix. Ja, der hübsche Knabe bekommt Charakter...
Neben den täglichen "Kämpfen" zwischen seinen und meinen Bedürfnissen, gibt's aber halt auch diese zuckersüßen, Patschehändchen-Streicheleinheiten (ja, ich geb's zu, meistens sind sie voller Sabber und seine feinen Nägelchen sind suuuuper fies) und einen Schwall voll glucksend-fröhlicher-Brabbelei, die schöner als Musik in meinen Ohren klingt und wo es in den vielen "grrrs" und "aiaiaiais" und "argggrrraaa" und "bllllööö" ganz genau hören kann, wie er sagt:" Mama, ich hab dich lieb, du bist die Beste und schönste Mama - meine Mama! Ich verzeihe dir alles! Geh' nur bitte nie, nie, nie wieder weg von mir, bleib nur ganz nah bei mir!" In diesen Augenblicken fühle ich mich so richtig lebendig, zurück im Leben, in meinem neuen Leben...per Liebkosung Gottes in Form MEINES Wunders, meines Babys.

31. Mai 2015

Abschied...

Ja, dieser Post handelt vom Abschied, vom Loslassen, vom Trauern;
Ich muss mich verabschieden, muss loslassen. Ich habe es geliebt, es gehegt und gepflegt, ihm nur das Beste zukommen lassen, damit es schön wächst und gedeiht. Im Laufe der Jahre wurde es beachtlich groß und nahm einen gewaltigen Platz in meinem Leben ein. Ja, es war mein bester Freund. Es war mir näher als alles andere. Doch nun muss ich es verabschieden und loslassen -
Mein liebes Ego.
Ich habe ja bemerkt, dass sich so einiges geändert hat, seit unser kleiner Prinz das Licht der Welt erblicken durfte. Meine Bedürfnisse, so merkte ich, wurden hinten angestellt - so dachte ich. In Wahrheit haben sie sich aber einfach nur verschoben. Mein Bedürfnis ist ER. Sein Wohlergehen, seine Gesundheit, seine psychische Unversehrtheit, sein Leben. Doch nach vier Monaten muss ich mir eingestehen, dass mit den vielen Vorstellungen und Plänen, wie ich die Babyzeit gestalten wollte, nur meine eigenen Bedürfnisse gestillt worden wäre...wäre deswegen, weil mich die Realität eines Besseren belehrt hat.
Als moderne Jungmama, die sich im Zuge ihrer Ausbildung intensiv mit dem Thema Bindung auseinander gesetzt hat und nun ganz heiß darauf war, gelernte Theorien in die Praxis umzusetzen und dabei ein top sicher gebundenes, psychisch super gesundes uns sozial enorm kompetentes Kind heran zu ziehen, sind mir ALLE gängigen Praktiken um ein Baby bindungsorientiert groß zu ziehen bekannt.
Vom Stillen nach Bedarf überall und zu jeder Zeit und das solange wie möglich über das Co-Sleeping, bestenfalls im Familienbett bis hin zum häufigen Herumtragen in Tuch und Tragehilfe. Dank diversen einschlägigen Ratgebern, die jeder noch so bedacht handelnder Mama mit fundamentalistischen Besserwisser-Floskeln das bindungstechnische Fürchten lehren und dem Durchforsten etlicher Mama-Foren, weiß ich, dass es das Beste ist, mein Kind niemals und unter keinen Umständen schreien zu lassen, es den ganzen Tag immerzu nah an meinem Herzen in der ergonomisch korrekten Anhock-Spreiz Haltung (ACHTUNG: Mami-Experten-Vokabel) zu tragen, es jederzeit, sooft und solange es möchte zu stillen und das am Besten bis es sich im fortgeschrittenen Schulalter selbst dazu entschließt, dass es doch etwas eigenartig ist, sich nach der Mathe-Hausaufgabe an Mamas Busen zu vergnügen. Ein weiteres Muss für jede Mama, die von Kopf bis Fuß auf Bindung eingestellt ist, ist das Familienbett.  Die einzig wahre Vorsorge, eine mental gesundes Kind zu erziehen, ist, wenn es in einem übergroßen Bett zwischen Mama und Papa liegen darf bis es selbst dazu bereit ist, in ein eigenes Zimmer und ein eigenes Bett um zu ziehen - und das passiert bestimmt, so zwischen fünf und fünfzehn Jahren, also keine Panik.
Ja, ich weiß über alles Bescheid. Ich kenne die Argumente der konservativen "mir-hat's-auch-nicht-geschadet" Fraktion vs. die ewig-und-dauernd-stillenden, im Mega-Familien-Matratzen-Lager-schlafenden, Hanf-Kleidung und Massai-Sandalen tragenden Mamas, die sämtliche experimentellen Bindetechniken mit ihrem 16m langen GOS-zertifizierten Bio-Baumwolltuch im Schlaf (im Familienbett) auswendig können. Die Für und die Wider. Und in meinem Kopf gewinnen immer die Nähebedürfnis-Baby-first-Aktivisten. Sie gewinnen und hinterlassen bei mir immer ein Gefühl der Unzulänglichkeit. "Ich stille voll" ist einer Werbeplankette, einem Button ähnlich dem Slogan "yes, we can - we have breasts, so - yes, we can!", den sich diese Mamas auf ihre Brust pinnen (natürlich, als Erinnerungshilfe, mit welcher Seite als nächstes angefangen wird). Was ist denn eigentlich dieses voll im "ich stille voll". Was ist denn halb stillen? Auf jeden Fall hatte ich erwähnte Plankette ebenfalls mit Stolz getragen.
Nach höheren Zielen strebend, sieht bzw. sah mein Babyalltag so aus: Ich bin bzw. war stilltechnisch auf wirklich alles eingestellt, bestens über Stillschwierigkeiten und Ammenmärchen informiert und stets daran interessiert harte Zeiten des Wachstums und der scheinbaren Milcharmut zu überstehen. Fläschchen versuch(t)e ich so lange wie möglich zu vermeiden und wenn dann nur, die extra-schwer-Sauger zu verwenden. Und nur abgepumpte Muttermilch versteht sich. Ein Beistellbettchen steht in unserem Schlafzimmer, um das Co-Sleeping für alle Beteiligten so angenehm wie möglich zu gestalten. Ich besitze fünf (nein, keine satirische Übertreibung) verschiedene Tragesysteme für jedes Gelände, jede Tagesverfassung und jede Witterung. Ich bin besser ausgestattet als ein Babyzubehör-Laden, was diese Dinge angeht.
Und dann kamen die vergangenen zwei Wochen - die Wochen der Veränderung. In denen mein Ego und meine Pläne starben und ich mich wirklich auf MEIN Kind einstellen musste. Angefangen hatte es mit einer unangenehmen Bemerkung während des Wiegens bei der Mutter-Kind-Beratungsstelle. Mein Kind sei viiiiiiiel zu schmal, viel zu dünn, viel zu zögerlich in der Gewichtszunahme. Ich wollte mich nicht verrückt machen lassen und wog mein Baby nicht jede Woche ab, ich vertraute meinen Gefühl und das bemerkte wohl, dass mein Baby zierlich, aber quietschfidel sei. Doch die Worte, die die Dame dort sprachen fühlten sich an wie: DU LÄSST DEIN KIND VERHUNGERN UND SCHAUST AUCH NOCH DABEI ZU!!! Somit war meine Woche gelaufen. Gleich am nächsten Tag holte ich mir eine zweite Meinung meines Hausarztes ein, der mich ein wenig beruhigte. Aber es nützte nichts, zu tief hatte sich das Gefühl des Versagens und angehender Kindesvernachlässigung in meine Gedanken gebrannt. Da fing er an der Trauerprozess. Für mich bedeutete die Option Fläschchennahrung dazu zu füttern das Ende meiner ach so schön erdachten Stillbeziehung. In Wahrheit ließ sich mein Baby nicht durch stillen beruhigen, meistens weinte und zappelte er dabei....einmal mehr einmal weniger. Ich brauchte meine und seine Ruhe, um das Stillen überhaupt möglich zu machen. Da gab es zum Beispiel diese Situation, in der ich mit ihm im nicht-zu-viel-nicht-zu-wenig-Förderwahn einen Babyschwimmkurs besuchte, in dem in der Badepause die engagierte Hebamme zu meinem Baby sagte, er würde jetzt gestillt werden und Mama hätte alles was er brauche dabei. Innerlich schrillten bei mir die Alarmglocken und mit Angst und Schrecken dachte ich daran, jetzt öffentlich stillen zu müssen und das auch noch im Badeanzug (Anm.: Ich musste den Adoptions-Baby-Schwimmkurs erwischt haben, denn diese Mütter hatten definitiv KEINE after-birth-bodies!!). Also entblößte ich mich in einer Ecke zusammengekauert inmitten der anderen Elternpaare ohne after-birth-body und versuchte mein Baby zu Stillen. Wie erwartet, plärrte und zappelte der kleine Mann, was das Zeug hielt...vom Stillen wurde er statt stiller lauter.
Ich schreibe nun schon seit zwei Wochen immer wieder an diesem Post. So lange wie mein Trauerprozess und mein Wahrhaben-Wollen andauerten. Eigentlich tun sie es noch immer. Von ein, zwei zusätzlichen Milchfläschchen am Tag sind wir inzwischen bei einem Fläschchen pro Mahlzeit und über einem halben Kilogramm mehr auf Babys Bäuchlein. Es tat weh zu sehen, wie sehr er sein Fläschchen liebt, inzwischen kann ich mich über sein vor freudig ungeduldiger Aufregung weit aufgesperrtes Schnäbelchen, wenn er das Fläschchen sieht, amüsieren. Ich versuche ihm und vor allem mir noch einen Rest an dieser ganz besonderen Stillnähe zu geben und ihn vor dem Fläschchen zu stillen, aber das ist ihm zu anstrengend, zu wenig ergiebig und überhaupt einfach zu doof, wo es doch dieses wunderbare, nie enden wollende, in gleichförmigem Fluss herausströmende, mit Nektar befüllte Füllhorn namens "Milchflaschi" gibt. Somit sind meine Langzeit Still-Pläne von der harten Realität durchkreuzt worden, weil ich zu den wirklichen 2% der Frauen gehöre, die nicht genug Milch produzieren können. Wie ist das mit Milchkühen, die unzureichend Milch mehr geben? Zum Glück ist man mit mir da gnädiger...
Mein Geheule, meine Getrauere und mein Festgekralle an irgendwelchen Idealvorstellungen waren meinem Baby schnurzpiep, so dass ich nun ein pausbäckiges, fröhlich qietschendes und völlig zufriedenes Flaschenkind bekommen habe. Gott sei's gedankt ist das so.
Meine Vorstellungen müssen fast täglich ein Stückchen sterben und das ist gut so. Denn wo meine Ego stirbt, entsteht ganz viel Platz für mein Baby - seine Liebe, seine Zufriedenheit und sein Wohlergehen. Mein neuer Lehrmeister ist vier Monate alt, zahnlos und muss bei einer Netto Lächel- Glukszeit von mindestens neun Stunden pro Tag wissen, wie man glücklich wird. Ich sollte öfter auf ihn hören.

5. Mai 2015

mom's first night out

Party, Drinks, eine wild durchtanzte Nacht mit den Mädels - das ALLES....hab ich nicht gemacht. Es war nur ein biederer aber lustiger Nachmittag/Abend mit anderen Damen unterschiedlichsten Alters - ABER, ich war weg. Ich war mehr als die seltenen zwei Stunden zwischen zwei Stillmahlzeiten getrennt von meinem Baby. Es war aufregend, es war neu, es roch nach neuen Möglichkeiten und - es tat ein bisschen weh.
Unser eingefrorener Muttermilchvorrat wurde das erste Mal angetastet und für unser Baby bedeutete der Tag hartes Flaschentraining und kalter Entzug von Mamas warmem Busen (Aber nur ausnahmsweise, nicht für immer - noch nicht).
Operation "cold turkey" ereignete sich wie folgt. Unauffällig, gewöhnliches Verhalten am Vormittag. Um die Mittagszeit bereitete mein Mann sein Magazin an Fläschchen und  einen Fläschchenwärmer vor - mit Bratenthermometer versteht sich. Und es dürfen auch nuuuuur die extra schweren Mama-Busen-ähnlichen-hard-work-Nuckel verwendet werden. Er soll ja nicht auf den Geschmack kommen, der junge Mann...
Ein gemeinsames Mittagsschläfchen mit Mama machte die Tarnung perfekt - na, gut, ich geb's zu - es war einfach super gemütlich und ich konnte meinen versäumten Nachtschlaf ein kleines bisschen nachholen. Ich schlich mich noch während Baby schlief aus dem Zimmer, klatschte bei Papa ab, dem offensichtlich die Erstmaligkeit des Ereignisses klar wurde und mir ein mit weit aufgerissenen Augen gebrülltes "AHHHHHH, jetzt gehts los" entgegnete. Ich verließ unser Zuhause und da stand ich - ein Gefühl wie nackt, wehmütig, wissend, dass ich mein Baby erst wieder in sechs Stunden (!!!) sehen würde und mit einem verschämten Fünkchen Hoffnung, dass Mamas Superkräfte benötigt werden, um das Chaos aufzuhalten, die Welt zu retten und die ganze Aktion zwischendrin abgeblasen werden müsste (ich war ja noch immer im selben Ort und schnell erreichbar). Die WalkieTalkies alias Handys waren auf Vibrationsalarmbereitschaft und ich war es auch.
Bei der Veranstaltung mit Kuchen und Tee angekommen fühlte sich das Ganze erstaunlich gut, frei und irgendwie aus grauen, kinderlosen Tagen bekannt vor. Weswegen sich auch sogleich ein schlechtes Gewissen breit machte.
Um die Geschichte kurz und schmerzvoll zu machen: Sehr bald flatterte eine SMS mit sinngemäßen Inhalt von meinem Mann "Fläschchen geext - gerülpst - zufrieden". Gefolgt von einem Selfie mit schlafendem Baby auf Papas Brust in der Babytrage. Dem wiederum folgten mehrere Nachrichten über die Stunden verteilt mit dem Inhalt "Superdad!", "I'm Superdad", "Unser Sohn hat einen Superdad", etc.
Es war also soweit - ich war ersetzt - erfolgreich abgelöst von einem Plastikfläschchen und meinem Mann. AUA! Ja, ich fühle mich als würde er übermorgen Matura machen und nächste Woche ausziehen, um mit seiner Extreme-Survival-Adventure-Sportler-Freundin nach Timbuktu durchzubrennen, um dort mit Kannibalen-Stämmen Klippen hinabzustürzen. So schnell geht das also. Ja, klar, es eröffnet neue Möglichkeiten, ich kann auch mal ins Kino gehen oder shoppen. Aber will ich das??? Mein after-baby-body ist doch (noch bzw. wird er es jemals sein??) nicht gesellschaftstauglich. Und was ich alles verpassen könnte!!! Vielleicht sagt er das erste Mal "Mama" und ICH VERPASSE ES!? Okay, okay, er ist drei Monate alt - was ich verpassen könnte, wären fünf Bäuerchen, ein bis zwei volle Windeln und ein paar gebrabbelt gesabberte Laute. Aber DAS verpass' ich!! Und vielleicht wird er es mir übel nehmen? Vielleicht möchte er ja nicht mehr gestillt werden, weil das mit der Flasche doch so viel einfacher geht? Die über stillende Mütter schwebende Gefahr namens Stillverwirrung lauert mir schon auf! Vielleicht will er nur mehr Papa's Nähe, wenn er weint...Wird er überhaupt noch wissen, wer ich bin??
Das Ende meines Loslass-Dramas war, dass ich heim' gekommen bin, mein Mann und ein Freund auf der Couch lümmelten und kurze Zeit später das Babyphon schrill, aber wie Musik in den Ohren, flüsternd brüllte "Mama, Mama, nur du allein. Nur du kannst meine Rettung sein". Also begab ich mich zu meinem engelhaft kreischenden Würmchen, legte mich zu ihm, stillte ihn, er trank als hätte es nie ein Fläschchen gegeben und wir taumelten in wiedervereinter Glückseligkeit.

Wen ich auf die Frage, wie es mir denn das erste Mal ohne Kind geht, mit einem kurzen "ganz gut, wenn's auch ein bissl weh tut" abspeiste, verzeihe mir. DAS sind die wahren Gefühle einer Erstlingsmama, die einen auf Mom's first night out macht.